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Prinzipien der Abklärung und Behandlung von Infektionskrankheiten

Die vorliegenden Empfehlungen müssen mit Vorsicht, differenziert und unter Berücksichtigung folgender Prinzipien angewandt werden:

  • Die Therapie eines Patienten mit einer Infektion beschränkt sich nicht nur auf die Wahl eines Antibiotikums. Es muss eine komplette Evaluation erfolgen, ev. spezialisiert und/oder multidisziplinär.
  • Vor einer empirischen Antibiotikagabe, d.h. bei noch unsicherer Diagnose und unbekanntem Keim, müssen die notwendigen mikrobiologischen Proben (z.B. Blutkulturen, Urinkultur, Biopsie, Abstriche) entnommen werden, insbesondere bei bereits hospitalisierten Patienten oder solchen, die stationär aufgenommen werden sollen. Das Mikrobiologielabor und der diensthabende Infektiologe des ZIWS stehen zur Verfügung, die optimalen Entnahmen zur besten Ausnutzung der Proben im Labor zu diskutieren.
  • Ausser in Notfallsituationen (schwere Sepsis und septischer Schock, neutropenisches Fieber, klinischer Infektfokus mit raschem Progredienzrisiko) ist die empirische antibiotische Therapie nicht immer indiziert. Eine gezielte Abklärung erlaubt dem Kliniker, eine Diagnose zu stellen und direkt die gezielte antibiotische Therapie zu beginnen.
  • Die Wahl eines Antibiotikums darf sich nicht nur auf die Ergebnisse der Sensibilitätsteste (in vitro) stützen. Andere Parameter wie z.B. die Lokalisation der Infektion, andere Krankheiten des Patienten, pharmakokinetische und pharmako¬dynamische Eigenschaften des oder der Wirkstoffe, müssen ebenfalls berücksichtigt werden.
  • Bei Nieren- oder Leberinsuffizienz muss die Dosis angepasst werden. Die Dosisanpassungen können aus der Tabelle im zweiten Teil entnommen werden.
  • Antibiotika mit breitem Spektrum sind zur empirischen Behandlung nur in bestimmten Situationen indiziert:
    • Infektion mit vorgehehender antibiotischer Exposition und nosokomiale Infektion (> 48 Std. nach Eintritt aufgetreten)
    • Febrile Neutropenie
    • Schwere Infektion ohne klinischen Fokus und ohne mikrobiologische Diagnose (mit unmittelbarer Bedrohung des Lebens)
      Breitspekrum-Antibiotika sind nicht wirksamer als gewöhnliche Antibiotika bei einem Erreger, der auf beide empfindlich ist.
  • Die empirische Therapie sollte zeitlich begrenzt werden. Sobald die mikrobiologischen Resultate bekannt sind, sollte eine Anpassung der Therapie mit gezielter Einschränkung des antibakteriellen Spektrums erfolgen.
  • Die Umstellung auf eine orale Antibiotika-Therapie kann in Betracht gezogen werden, wenn folgende Kriterien erfüllt sind: Fieberfreiheit seit 2 Tagen (axilläre Körpertemperatur < 38°C); Zeichen von klinischer Verbesserung, Sinken der Entzündungszeichen (CRP, Leukozytenzahl); eine ausreichende Biodisponibilität und Resorption der Wirkstoffe im Magendarmtrakt, eine regelmässige und zuverlässige orale Einnahme.
    Vorsicht ist bei gewissen Infektionen geboten, die in jedem Fall eine länger dauernde parenterale Behandlung brauchen (Endokarditis, Osteomyelitis, Arthritis, usw.).
  • Der Misserfolg einer Antibiotika-Therapie, der selten vor 72 bis 96 Std. objektivierbar ist, kann andere Ursachen als die bakterielle Resistenz haben. Dazu gehören z.B. eine nicht adäquate Dosierung, ein Fokus, der drainiert oder debridiert werden muss oder einfach eine langsame klinische Antwort. Diese Möglichkeiten sind zu erwägen, bevor ein Breitspektrum-Antibiotikum verabreicht wird.